Pressestimmen

Erschienen in der "Neuen Zürcher Zeitung" am 1. Februar 2012
Zürich im Blick
Ein aussergewöhnlicher Liederabend von Noëmi Nadelmann im Kleinen Saal der Tonhalle
Die Zürcher Sopranistin Noëmi Nadelmann hat am Montagabend in der Tonhalle Zürich bei den Freunden des Lieds ein intim-persönliches Rezital gegeben.
Thomas Schacher ¦ "Liederabende folgen oft einem bestimmten Schema und verweilen gerne bei den deutschen Komponisten des 19. Jahrhunderts. Doch die Sopranistin Noëmi Nadelmann hatte bei ihrem Auftritt in der Reihe «Liedrezital» etwas anderes im Sinn: Unter dem Motto «Zürich im Lied» stellte sie Werke von Komponisten zusammen, die mit unserer Stadt über längere Zeit verbunden waren oder sind. Den Ausgangs- und Zielpunkt bildeten dabei zwei Liedzyklen, die ihr Vater Leo Nadelmann komponiert hatte. Dazwischen kamen mit dem Tonhalle-Dirigenten Friedrich Hegar, dem Konservatoriums- Dozenten Willy Burkhard und dem Publizisten und Komponisten Rolf Urs Ringger drei weitere Zürcher bzw. Wahlzürcher zu Wort. Einzig Ernest Bloch erwies sich da als Störenfried.
Keine Showeffekte
Das Publikumsinteresse für die Zürcher Sängerin, deren grösste Bühnenerfolge in die neunziger Jahre zurückgehen,
ist viel grösser, wenn sie am Classic Openair Solothurn bekannte Arien zum Besten gibt oder wenn sie, wie im
vergangenen Dezember, zur Eröffnung der neuen Legislatur des Parlaments die Nationalhymne in den vier Landes-sprachen singt. Hier aber, im Kleinen Saal der Zürcher Tonhalle, konnte man einer Noëmi Nadelmann begegnen, die sich von einer sehr intimen und nicht auf Show ausgerichteten Seite zeigte. Im Liedzyklus «Mein blaues Klavier» hat Leo Nadelmann der 1945 verstorbenen deutsch-jüdischen Schriftstellerin Else Lasker-Schüler mit der Vertonung von fünf ihrer Gedichte ein kompositorisches Denkmal gesetzt. Während Else Lasker-Schülers Verse von einer expressionistischen Entgrenzung geprägt sind, bewegt sich Nadelmanns Stil in weniger gewagten Bahnen. Vielschichtiger ist seine Musik im Zyklus «Grabschriften in die Luft geschrieben» nach Gedichten von Nelly Sachs, was nicht nur Noëmi Nadelmann zu einer sehr authentischen Interpretation bewegte, sondern auch dem Pianisten Oliver Schnyder Gelegenheit gab, seine differenzierte Kunst des Begleitens zu demonstrieren.
Jugendsünde und Alterswerk
Bei Rolf Urs Ringgers Stücken erzeugte die Gegenüberstellung einer «Jugendsünde» des 19-Jährigen mit einer Uraufführung echte Spannung. Das neue Lied «Erklär mir Liebe» pendelt zwischen einigen klanglichen Härten und einer süsslichen Melancholie, was Noëmi Nadelmann gekonnt umsetzte. Schade, dass, hier wie auch beim übrigen Programm, ihr Vibrato zur Übertreibung neigte und dass sie die Spitzentöne immer in höchster Lautstärke gab."
Mit freundlicher Genehmigung der Neuen Zürcher Zeitung.
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Erschienen in der "Neuen Zürcher Zeitung" am 7.12.2011
"«. . . und sang mit grosser Inbrunst»
Die Gebrüder Volle und «Die schöne Magelone» in der Tonhalle Zürich
Jenny Berg · Nur selten bekommt man an einem Liederabend eine zusammenhängende Geschichte geboten - und noch seltener ist diese so über die Massen tollkühn erzählt wie in Johannes Brahms' Liederzyklus «Die schöne Magelone». Was hier zwei Liebende erleben, mutet schon beinahe skurril an.
Hochdramatischer Verlauf
Die Handlung basiert auf einem Ritterroman des Mittelalters, und es ist gerade die damals übliche wuchernde
Fortspinnung der einzelnen Abenteuer - das Finden der Liebe, die gemeinsame Flucht, die unglücklichen Zufälle, die
zur Trennung führen, die zahlreichen Irrwege auf der Suche nacheinander, das unerwartete Wiedersehen der Liebenden -, die dieser Geschichte ihr reizvolles Gepräge verleiht. 1797 erschien eine Neudichtung Ludwig Tiecks, deren Kapitel je ein Lied enthält. Brahms vollendete 1869 die Vertonung dieser Lieder und schuf damit einen Zyklus, dem ein hochdramatischer Verlauf innewohnt, der jedoch nur die emotionalen Höhepunkte reflektiert. Schon Brahms schlug daher vor, rezitierte Erzählpassagen zu ergänzen, damit sich der Sänger in die jeweils richtige Stimmung versetzen könne.
In der Reihe Liedrezital Zürich war nun ein geradezu epischer, ja melodramatischer Vortrag zu hören: Michael Volle sang die Lieder Brahms', sein Bruder, der Schauspieler Hartmut Volle, rahmte sie mit ausführlichen Textrezitationen
ein. Und wie er das tat! Mit dramatischem Geschick spitzte er die Spannung immer wieder zu, schlüpfte in verschiedene Rollen, kommentierte als Erzähler mit Augenzwinkern und verfügte bei alldem über eine ausgesucht schöne Sprechstimme. - Einer solchen darf sich auch Michael Volle rühmen; mühelos konnte man ohne Textheft den Liedzeilen folgen, was in dieser Gattung keine Selbstverständlichkeit ist. Volles Bariton glänzte in den verschiedensten Farben, sanft säuselte er als Graf der Geliebten ins Ohr, forsch spornte er sich zum Liebeszug an, quälend jammerte er vor Sehnsucht.
Forciertes Forte
Dabei überwog ein inbrünstiger Gestus, welcher häufig in forciertes Forte fiel - als bräche aus dem Liedsänger der
Opernsänger hervor, der die Bühne des kleinen Saals derTonhalle mit seinem ganzen Spiel einnehmen will. Bei alldem
blieb Helmut Deutsch der ruhende Pol, der den dichtenBrahmsschen Klavierpart licht und transparent machte.
Standing Ovations für die Interpreten - und ein wenig sicherauch für den mittelalterlichen Dichter."
Mit freundlicher Genehmigung der Neuen Zürcher Zeitung.
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Erschienen im "Tagesanzeiger" am 07.12.2011
"Brahms‐Liederabend mit drei Interpreten
Zürich, Tonhalle Anna Kardos Die Szenerie: ritterlich‐romantisierend, die Story: mit einer Happy‐End‐Prognostizierbarkeit von 120 Prozent. Dass Johannes Brahms kein untrügliches Gespür für tiefgründige Texte hatte, drückt in seinem Liederzyklus <Die schöne Magelone> spürbar durch. Und ganz erschliessen sich die 15 <Romanzen>, wie er die arienähnlichen Lieder genannt hatte, erst mit dem zugehörigen Märchen um Magelone und Ritter Peter. Schlechte Karten also für das jüngste Konzert von Liedrezital Zürich? Mitnichten! Denn wofür hat man Sänger wie Michael Volle, und wofür haben diese Brüder wie den Schauspieler Hartmut Volle (vom Klavierbegleiter Helmut Deutsch gar nicht zu sprechen)? Was diese drei Interpreten zustande brachten, klang wie aus einem Guss:
Hartmut Volle erzählte das Märchen um das junge Liebespaar einerseits packend und andererseits mit einer Portion liebevoller Ironie. Noch in die Worte der Erzählung hinein flocht dann und wann Pianist Helmut Deutsch den Klavierpart. Dabei spielte er mit grossmütiger Geste auf, sodass die Musik die einfachen Märchenbilder gleichsam klingend widerspiegelte.
Ebenfalls gross gedacht war auch der Gesangspart von Michael Volle, der seine Stimmbänder ritterlich kühn schwingen liess. Mit traumwandlerischer Sicherheit, warmem Timbre und dem richtigen Mass an Gestaltung verlieh Volle den Szenenbildern des Märchens inneres Leben. Derart dargeboten, wuchsen einem die Märchenszenen ans Herz."
Mit freundlicher Genehmigung des Tagesanzeigers.


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Erschienen in der "Neuen Zürcher Zeitung" am 06.10.2011

"Vielgestaltig

Liedrezital mit Marlis Petersen
Jürg Huber · War Goethe nun ein unverbesserlicher Schürzenjäger oder ein sensibler Frauenversteher? Jedenfalls: Das Ewigweibliche zog den Dichterfürsten mächtig an. Nicht nur durch sein Leben, auch durch seine Dichtung geistern diverse Frauengestalten. Ihnen widmete die Sopranistin Marlis Petersen ihr Programm, das sie im «Liedrezital Zürich», wie die «Freunde des Liedes» ihre Konzertreihe neuerdings nennen, zusammen mit Jendrik Springer am Klavier zur Aufführung brachte. So belebten denn bald Suleika und Mignon, Gretchen, Klärchen und Helena den Kleinen Saal der Zürcher Tonhalle.
War der Einstieg mit «Suleika I» von Franz Schubert noch einigermassen konventionell, begab sich die Sopranistin bald auf abgelegenere Pfade, wo Unbekanntes der Entdeckung harrte oder vermeintlich Vertrautes ganz anders klang. «Gretchen am Spinnrade» in der Fassung von Richard Wagner etwa, die zwar nicht an den genialen Wurf des jungen Schubert herankommt, oder «Kennst du das Land» in einer zerrissenen Vertonung des Mahler-Zeitgenossen Alphons Diepenbrock.
Marlis Petersen nahm sich ihrer Fundstücke mit Sorgfalt an und brachte mit klarer Diktion viele Nuancen zu Gehör, was den musikalischen Fluss manchmal etwas staute. Dass sie ihren warmen und leuchtenden Sopran auch ungehindert strömen lassen kann, war in Robert Schumanns Mignon-Vertonung «So lasst mich scheinen» zu hören.
Besondere Affinität zeigte Petersen zum Theatralen. Kraftvoll verteidigte sie in Nikolai Medtners «Vor Gericht» das Recht der Frau auf ihren eigenen Bauch; Manfred Trojahns «Bewundert und viel und viel gescholten», erstmals in der Schweiz aufgeführt, verlangte ihre ganze operngeschulte Expressivität, ebenso der «Monolog der Stella» von Ernst Krenek. Der orchestrale Zug dieser Komposition gab dem Pianisten Jendrik Springer reichlich Gelegenheit zur Profilierung, wie auch das fulminante Finale mit Walter Braunfels' «Rastloser Liebe».
Und noch etwas, «Ein Gleiches»: Zusammen mit den beiden Zugaben in vier Versionen war zu erleben, wie Goethes unsterblicher Achtzeiler «Über allen Gipfeln ist Ruh» ganz unterschiedlich zu Musik wird, schicksalsschwer drohend bei Medtner, mit sentimentalem Touch bei Charles Ives, luftig bei Hans Sommer und religiös aufgeladen bei Franz Liszt. Da mochte man leicht verschmerzen, dass der Bezug zu Goethes Frauengestalten nur vage war, zumal ein Liederabend selten so vielfältige Eindrücke hinterlässt."

Mit freundlicher Genehmigung der Neuen Zürcher Zeitung.
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Erschienen im "Tagesanzeiger" am 06.10.2011

Goethes Frauenfiguren, gesungen von Marlis Petersen

Anna Kardos . "Hehr und ideal oder doch eher schrubbend und gebärend? Spätestens seit seinem Satz <das ewig Weibliche zieht uns hinan> gilt Goethe als Spezialist für Frauenfiguren (obwohl ihm seine Partnerin privat lieber <kleines Eroticon> als ideale Lichtgestalt war).
Im ersten Konzert der Reihe Liedrezital Zürich bildeten seine literarischen Frauengestalten in Vertonungen von Schubert und Wagner bis Eisler, Reutter und Trojahn das aussergewöhnliche Programm. Bis anhin unter dem Namen <Freunde des Liedes> bekannt, will sich die Veranstaltungsreihe öffnen: weg vom Image des Kränzchens unter Freunden, hin zu Konzerten für ein grosses, interessiertes Publikum.
Als sollte das auch in der Musik verbildlicht werden, stand mit Marlis Petersen mehr eine Opern- als eine Liedsängerin auf der Bühne. Und ob kecke Philine, tragisches Gretchen oder geheimnisvollkindliche Mignon, die Sopranistin legte ihre Rollen unter das Vergrösserungsglas generöser Bühnendramatik. Mit unterschiedlichem Ausgang. Die Energie nämlich, die Klärchens Lied <Die Trommel gerühret> (von Walter Braunfels) zugute kam, vertrieb in <Wanderers Nachtlied> (Hans Sommer) die besungene Ruhe eher, als dass sie sie heraufbeschworen hätte. Umso mehr, als auch Begleiter Jendrik Springer meist aufspielte, als sei er ein veritables Orchesterkollektiv. Doch obwohl man sich mehr innige Momente gewünscht hätte, über Petersens grossartige gesangliche Fähigkeiten besteht kein Zweifel. Die unwegsame Melodieführung ihres Programms, das - vorwiegend aus dem 20. Jahrhundert stammend - an schwierigen Sprüngen und Koloraturen nicht sparte, meisterte sie gleichsam hehr und ideal. Oder eben: wie nur eine Goethe'sche Frau es kann."

Mit freundlicher Genehmigung des Tagesanzeigers.